Zieh die Schuhe aus!

Es ist dir bestimmt aufgefallen, dass die Schweden immer die Straßenschuhe ausziehen, wenn sie jemanden besuchen. Manchmal liegen Hausschuhe für Gäste bereit, aber meistens läuft man ganz einfach in den Strümpfen weiter. Hast du dich mal gefragt, woher diese komische Sitte kommt? Die Antwort ist: es geht nicht nur um Sauberkeit, sondern es gibt tatsächlich einen besonderen Hintergrund.

Wohnstandard

 
Man kann es kaum glauben, aber vor ca. 100 Jahren gehörten die schwedischen Wohnungen zu den schlechtesten in Europa. Heutzutage wird der schwedische Einrichtungsstil hochgelobt und nachgeahmt, damals wäre niemand auf die Idee gekommen.

Wohnen in der Großstadt

 
In Göteborg und Stockholm war es besonders schlimm. Viele Menschen zogen in die Städte, weil es dort Arbeit gab. Leider gab es nicht genug Wohnungen. Damit die Leute nicht auf der Straße schlafen mussten, suchte man nach Lösungen. Es wurden einfache Wohnungen, teilweise ohne Fenster, eingerichtet. Viele Familien wohnten in engen Räumen zusammen mit ihren Untermietern. Es war eine Möglichkeit zusätzliches Geld zu verdienen. Weil so viele Menschen auf engsten Raum wohnten, konnten sich Krankheiten und Ungeziefer leicht verbreiten. Das Problem musste gelöst werden.

Problemlösung in staatlicher Hand

 
Schweden hat oft versucht Probleme durch staatliche Behörden und Verordnungen zu lösen. So auch in diesem Fall. Die Experten meinten man müsste bessere und bezahlbare Wohnungen bauen, das würde zu einer Verbesserung führen. Noch dazu müsste man den Menschen beibringen, was es bedeutet, richtig zu wohnen. Sie waren einfach zu geizig und zu bequem um das selbst herauszufinden.

Die Wohnungsinspektion

 
Die Gesundheitsbehörde gründete 1936 eine Abteilung, die alle Wohnungen in Schweden regelmäßig überprüfen sollte. Man brauchte eine Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschläge. Eingestellt wurden vor allem Frauen. Es war die allgemeine Meinung, dass Frauen ein natürliches Talent für Sauberkeit und Hausarbeit hätten.

Die Damen machten Hausbesuche und verteilten Ratschläge an die Mieter. So durfte niemand mehr Untermieter haben, in der Küche durfte es keinen Schlafplatz geben, der Arbeitstisch sollte am Fenster stehen und ein tägliches Lüften von 2×15 Minuten wurde angeordnet. Die Vermieter wurden auch mit ins Boot geholt. Sie bekamen Auflagen die Wände in hellen Farben zu streichen und Fenster einzubauen. Jede Wohnung sollte einen Vorraum haben. Schmutzige Arbeitskleidung und Schuhe sollten ausgezogen und weggehängt werden, bevor man die privaten Räume betreten konnte. Es gab eine Regelung, die angab wie viele Leute maximal Zugang zu einer Toilette haben sollten.

Neubau von Wohnungen

 
Du fragst dich natürlich warum diese Beamten überhaupt in die Wohnungen hineingelassen wurden. Heute würde es niemand akzeptieren. Bei den damaligen schlechten Wohnverhältnissen, waren die Menschen über jede denkbare Hilfe dankbar. Tatsächlich verbesserte sich nach den Besuchen die Wohnsituation merklich. Die Mieter fingen sogar an, sich über schlechte Vermieter zu beschweren.

Die Kontrollen führten schnell dazu, dass neue bezahlbare Mietwohnungen auf Staatskosten gebaut wurden. Nicht jeder konnte eine solche Wohnung bekommen. Nur diejenigen, die nach einer staatlichen Prüfung als fähig eingestuft wurden, eine moderne Wohnung zu pflegen, bekamen eine zugeteilt. Es gab manchmal eine Art von Hausmeistern, die den Bewohnern zeigten worauf sie achten müssten. Hierzu gehörte unter anderem die Pflege der neuen Fußböden. Also, keine Straßenschuhe in den Wohnräumen!

Eigene Schuhe

 
Fühlst du dich unwohl,wenn du nur in Strümpfen läufst, kannst du gerne deine eigenen Hausschuhe oder andere Schuhe mitbringen. Das findet niemand komisch. Die Schweden machen es genau so, zum Beispiel wenn sie zu einem privaten Fest gehen. Dann sieht es nicht so schön aus, wenn du zum Abendkleid keine Schuhe an hast. Also die sauberen Pumps in eine Tüte packen und mitnehmen! Gilt genauso für die Männer.

Die bakterienfreundliche Schuhsohle

 
Eine amerikanische Studie zur Sauberkeit bei Schuhen, die im Jahr 2016 veröffentlicht wurde, bestätigt die Theorie der schwedischen Experten von damals. Sie stellten fest, dass an der Schuhsohle mehr als 420 000 Bakterien kleben. Ist ja kein Wunder, wenn man überlegt wohin wir überall laufen. Blätter und Müll liegen auf den Straßen und genau dort finden Bakterien ihre Nahrung. Reste davon bleiben an den Schuhsohlen kleben. Eine Klobrille ist richtig sauber im Vergleich zu den Schuhsolen. Wenn wir später mit denselben Schuhen durch die Wohnung laufen, bleiben die Bakterien am Fußboden liegen und alles was hinunterfällt, kommt damit in Berührung. Viele Kolibakterien, die zu Magen-Darm-Infekten führen, können sich so verbreiten.

Also, mach es wie die Schweden: zieh die Straßenschuhe aus und mach es dir gemütlich.

CATEGORY: Kultur

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